ANKE WOGERSIEN
A u t o r i n

Leseprobe Roman


 
 
 
 
 
 
OSTSEE DEAL
 
 
 
 
 
 
 
 
Roman
 
 




 
 
 
 
PROLOG

           »Los, lass uns abhauen! Schnell, Becky, renn!« Jamiros Stimme. Im gleichen Moment springen zwei Männer vor. Grobe Hände greifen nach ihr, packen sie von hinten an den Oberarmen. Rebecca spürt die brutale Umklammerung. Es gibt keine Fluchtmöglichkeit. Da ist kein Ausweg! Sie will sich losreißen. Der Griff wird härter. Es tut weh. Ich muss stillhalten! Geistesgegenwärtig macht sie sich steif. Sie starrt in den offenen Mund, sieht die gelben Zähne, die scharfe Nase mit den schwarzen Haaren in den Nasenlöchern.»Was wollt ihr? Sie ist Deutsche!« Jamiro klingt zornig. Passanten schreien entsetzt auf.
Rebecca sieht das Messer. Die scharfe Klinge blitzt in der Sonne. Es glänzt. Es ist Silber, denkt sie irre vor Angst.
 »Die will am liebsten die Flatter machen!« Sie hört das dreckige Lachen. Sekundenlang wird ihr schwarz vor Augen. Ein ohrenbetäubender Knall zerreißt die Luft...
 
»Geht es Ihnen gut?« Unbemerkt war Karl Petersen hinter sie getreten. Rebecca Haag wandte ihm den Rücken zu. Er berührte sie sanft an der Schulter. Sie zuckte innerlich zusammen. Auf ihrem Hirn lastete ein dumpfer Druck. Sie vermochte, halb betäubt vom Schmerz, kaum zu denken. Instinktiv wehrte sie sich dagegen, diese Betäubung abzuschütteln. Sie spürte, dass sie im wachen Zustand die entsetzlichen Bilder in ihrem Gedächtnis kaum hätte ertragen können. Rebecca wischte sich über die Stirn. Die schreckliche Erinnerung sollte verschwinden.
»Warum schmeißen Sie das Buch auf den Boden? Gefällt es Ihnen nicht?«
Der ehemalige Studiendirektor Dr. Petersen bückte sich und hob es auf. »Es ist ein Meisterwerk der Literatur. Handelt von Jean Lafitte, einem aristokratischen Freibeuter.«
»Entschuldigen Sie! Ich glaube, das Buch ist mir aus der Hand geglitten«, stammelte Rebecca.
»Das dachte ich mir. Das Gepolter habe ich bis in meine Kombüse gehört. Da wollte ich doch einmal nachschauen, was Sie in meiner Bibliothek treiben!« Der leichte Tonfall verhüllte kaum seine Besorgnis. Irgendetwas schien mit seinem Schützling nicht zu stimmen.
»Der Seelenfrieden ist ein Schatz. Es gibt viele Piraten«, erwiderte sie mit einem Seufzer.
»Wissen Sie, Karl …« Sie stockte.
»Ja?« Er hob fragend die Augenbrauen.
»Ach nichts!« Rebecca schluckte. Instinktiv fasste sie an ihren Hals. Er sollte sie nicht sehen. Die winzige Narbe. Zwei Zentimeter neben der Hauptschlagader.
»Aha.« Petersen drängte sie nicht. Der erfahrene Pädagoge wartete ab. Vielleicht würde sie es ihm erzählen. Er schaute ihr unverwandt in die Augen.
»Ähm …, ich meine, das hier sind Seefahrer-Romane. Lebensgeschichten mutiger Männer, die einst unerschrocken die Welt umsegelten«, wich Rebecca aus. Die angehende Geschichtslehrerin nahm ihm die kostbare Biografie aus der Hand und stellte sie zurück ins Regal.
»Das klingt, als hätten Sie genug von Abenteuern in der Fremde, Kind. Na, ich kann‘s verstehen. Sie müssen todmüde sein nach der langen Reise. Machen Sie es sich gemütlich! Ich koche uns einen Tee.« Er schlurfte zurück in seine Küche.
Seit zwei Jahrzehnten bewohnte der einstige Schulleiter die urige Bauernkate in Bökenberg, dem Nachbarort des kleinen Seebades Fischerhoop an der norddeutschen Ostseeküste. Er hatte sich das Haus seinerzeit mit seiner Frau gekauft. Die vielen Zimmer standen zum Großteil leer. Der Witwer überlegte, ob er an Feriengäste vermieten sollte. Andererseits war er auf der Suche nach einer geeigneten Partnerin. Die unterschiedlichen Ansprüche waren schwer in Einklang zu bringen. Entweder pflegten die in Frage kommenden Damen einen seiner Pension unangemessenen Lebensstil oder seine eigenen Vorstellungen von einer Beziehung konnten nicht befriedigt werden. Auf jeden Fall hatte es noch nicht sollen sein, wie Thorsten Tatje, Förster in Fischerhoop und bester Freund, es formulierte. An die selige Dorothea kam bisher keine der Ladies heran.
»Gemütlich? Wie soll das gehen? Juni in Deutschland – bestes Rosenwetter! Dass ich nicht lache! In Hamburg hat es geschüttet.« Rebecca folgte ihm. Sie fröstelte.
»Ach was, bei uns an der Küste haben wir seit Tagen strahlenden Sonnenschein und allerfeinstes Badewetter! Sie wissen doch, im Sommer …«
»Ich weiß, ich weiß, … ist es in Deutschland am schönsten!«, beendete Rebecca den Satz. Sie kannte den Lieblingsspruch ihres alten Paukers. »Sie haben recht!«Ihre Zustimmung kam aus vollem Herzen.
»Sagen Sie, hatten Sie Heimweh nach unserem kleinen Fischerhoop?« Petersen goss heißes Wasser in den Teefilter. Es duftete nach Vanille. Sie setzten sich an den großen Esstisch. Rebecca guckte ihn an. Er blinzelte. Es ging eine spürbare Wärme von ihm aus. Ihre Stimme bebte, als sie zu erzählen begann.
»Nichts, was ich mir vorgestellt hatte, konnte es mit der Realität aufnehmen ... «
 
 
 

ERSTER TEIL
 
 
_____
 

1. Kapitel
 
 
Rio de Janeiro, 5. Januar
Rebecca Haag atmete hörbar aus. Ein Glück! Sie hatte die endlose Anreise geschafft. Erleichtert stellte sie ihren schweren Hartschalenkoffer und das Bordgepäck ab. Durstig trank sie einen Schluck Wasser aus der Plastikflasche. Sie streifte sich die Sandaletten von den heißen Füßen und inspizierte ihr neues Reich. Hier also sollte sie die kommenden zwölf Monate leben. Die Einzimmerwohnung war winzig. Es handelte sich um einen kombinierten Wohnschlafraum mit Bettcoach und Sitzecke. Die weißen Wände waren nackt. Sie entdeckte weder ein Bild noch ein Regal. Der Kühlschrank in der kleinen Küchenzeile war ausgeschaltet. Zur Wohnung gehörte ein Bad mit Dusche, Waschbecken und Toilette. Das einzig Schöne an der Kammer war die Aussicht. Die aber gab es, wie Vieles im Leben, nicht ohne entsprechenden Einsatz.
Als Kind hatte Rebecca bei einem Clown im Zirkus einen Trick gespickt. Sie erklomm einen kleinen Holzstuhl, stellte sich auf die Zehenspitzen und schob ihren Schopf aus der Dachluke. Der dumme August war einst zur Freude des Publikums regelmäßig vom Schemel heruntergefallen. Rebecca jedoch hielt sich am Fensterrahmen fest und erspähte ihn, den Gipfel aller Fernreisesüchtigen: den Zuckerhut.
Ihr Smartphone klingelte. Sie sprang vom Hocker hinunter.
»Rebecca, sind Sie es? Leben Sie noch?« Die Stimme von Karl Petersen im fernen Schleswig-Holstein keuchte ihr aus dem Handy entgegen.
»Guten Morgen, Karl! Klar, bin ich‘s! Rebecca Haag höchstpersönlich.« Überlebende eines Langstreckenfluges. Geister benutzen keine Mobiltelefone. Sie schüttelte den Kopf. Im Laufe der Zeit hatte sie die Telefonie ihres langjährigen Freundes akzeptiert. Für gewöhnlich ein ausnehmend höflicher Mensch war er bei Anrufen kurz angebunden und sparte sich Vertraulichkeiten wie ‚Hallo‘ oder ‚Guten Tag‘. Skypen mit Petersen war eine mittlere Katastrophe. Rebecca griente bei dem Gedanken. Obgleich sie sich freute, seine vertraute Stimme zu hören, kam der Anruf ungelegen. Heute war ihr erster Arbeitstag als Referendarin an der Deutschen Schule, der Escola Alemã Corcovado. Sie musste in sechzig Minuten dort sein. Den Umstand, dass sie an ihrem Ankunftstag in Rio sofort mit der Arbeit anfangen musste,  verdankte sie dem verlockend günstigen Sparpreisangebot der Airline. Rebecca ließ sich aufs Sofa sinken und wartete. Was wollte er? Man hörte ein Rauschen in der Leitung.
»Was gibt es, Karl?«, erkundigte sie sich leicht entnervt. »Ich bin nach einem vierzehnstündigen Nachtflug gerade eingetroffen. Hier ist es sieben Uhr morgens.« Sie strich sich eine Haarsträhne hinter ihr rechtes Ohr. »Ich muss mich frischmachen und zur Arbeit.«
»Ich wollte mich vergewissern, dass Sie gut angekommen sind in Rio. Wie war der Flug? Ich will Sie nicht aufhalten, Kind.« Der pensionierte Schuldirektor fungierte als eine Art Vaterersatz. Er nahm regen Anteil an ihrem Pädagogikstudium und Leben. Rebeccas Eltern waren vor zwei Jahren tödlich verunglückt. Sie hatten ihren Hauptwohnsitz auf Teneriffa gehabt. Ihre Tochter in der Obhut eines braven Ehemannes wähnend, wollten sie auf der Sonneninsel ihren wohlverdienten Ruhestand genießen. Sie hatten sich verschätzt. Der treu sorgende Gatte entpuppte sich als treulose Sorge. Nach der Scheidung fand Rebecca Arbeit im Kundencenter einer Versandhauskette. Die Sommerurlaube verbrachte sie an der Ostsee. Vor zwei Jahren hatte sie dort eine heiße Affäre mit dem Wiener Puppenspieler Marco erlebt. Nach dem Liebesaus hatte sie ihr vor der Heirat abgebrochenes Lehramtsstudium fortgesetzt und erfolgreich das erste Staatsexamen bestanden. Einen Teil des Referendariats wollte sie nun in Rio ableisten.
»Klar. Ich bin gut gelandet. Alles Bombe!« Den Ausdruck kannte sie von einer Kommilitonin.
»Wie? Ach so, ja … Bombe! In Fischerhoop gab es Silvester ein bombastisches Feuerwerk über der Seebrücke. Apropos: ‚Frohes Neues Jahr‘!« Karl Petersen missverstand sie. Das war nicht verwunderlich bei seinem vorgerückten Alter und der Entfernung, die zwischen ihnen lag. Sie hatten sich zuletzt am zweiten Weihnachtsfeiertag gesehen.
»Das wünsche ich Ihnen ebenfalls. Bei mir ist alles okay. Ich habe ein super Apartment«, brüllte sie lauter als erforderlich in die Leitung. Rebecca blickte sich zweifelnd um. ‚Super‘ war ein großes Wort. Behaglich war die hellhörige Behausung nicht. Das stundenlange Gewackel des Nachtflugs steckte ihr in den Knochen. Sie hasste Turbulenzen. Diese ersten Eindrücke am Handy zu erläutern, erschien Rebecca allerdings zu kompliziert. Sie würde sich im Laufe der Zeit einleben. Der Mensch war ein Gewohnheitstier.
Tier? Sie zuckte zusammen. Was ist das? Hilfe! Ein Tier saß an der hell getünchten Wand! Rebecca sprang auf. Sie wurde hektisch. 
    »Ich muss Schluss machen. Hier ist ein schwarzes Viech an der Wand … Bis bald!«
»Bitte?!? Hallooo?« Karl Petersen hörte das Tuten des Freizeichens. Er schüttelte den Kopf und starrte aus dem Fenster.
Tun Sie mir den Gefallen und geben Sie gut auf sich Acht, Rebecca! Der kalte Nordost riss an den Fensterläden. Ein Sturmtief peitschte Schneeregen gegen die Scheibe. Es würde heute wohl wieder nichts werden mit einem Neujahrsspaziergang an der Ostsee.
 
*

Rebecca schmiss ihr Handy aufs Sofa. Sie kletterte auf das Beistelltischchen und stülpte das leere Trinkglas über das wehrlose Wesen. Mit zittrigen Händen schob sie einen klebrigen Bierdeckel, den der Wohnungsvorgänger zurückgelassen hatte, unter den Behälter. Todesmutig betrachtete sie anschließend ihren Gefangenen. Das Tier war schwarz und zehn Millimeter groß. Es besaß transparente Flügel, buschige Fühler und einen Stechrüssel. Die Hinterbeine schimmerten silbrig. Zwischen den Facettenaugen hatte es winzige weiße Schuppen. Verdammt, wie sieht eine Dengue-Mücke aus? Rebecca stellte das zugedeckte Glas auf den Tisch, nahm ihr Mobiltelefon und fotografierte das Ganze. Sie würde den Biologielehrer in der Schule fragen, ob das Insekt gefährlich war. Hoffentlich gab es nicht noch mehr von der Sorte. Zunächst musste sie dieses Exemplar gefahrlos loswerden. Es gruselte sie. Sollte sie es töten? Ohne nachzudenken, nahm sie das Gefäß mitsamt Inhalt, öffnete ihre Zimmertür und eilte barfuß durch das schmucklose Treppenhaus nach unten. Die fünf einfachen Wohnungen waren uneinheitlich über ein paar Betonstufen miteinander verbunden und führten in einen kleinen schmutzigen Hinterhof. Draußen angelangt, lüpfte Rebecca den Pappdeckel vom Glas. Der Flattermann flüchtete. Erledigt! Erleichtert hastete Rebecca auf der engen Treppe zurück nach oben.
»Nein! Nein! Neinneinnein!«Sie schlug mit der flachen Hand gegen die zugefallene Tür. Siedend heiß fiel ihr ein, dass der Wohnungsschlüssel von innen im Schloss steckte. Um Himmels willen! Bitte nicht! Die Tür ist zu! Der Schlüssel ist in der Wohnung! Was mache ich jetzt? Ihr Herz raste vor Angst. Das Blut schoss ihr in den Kopf. Fassungslos rüttelte sie am Türknopf. Die verrückte Hoffnung, durch Zauberhand Zugang zum Wohnungsinnern zu bekommen, erfüllte sich nicht. Dies war kein Sesam-öffne-dich. Sie stand vor dem verschlossenen Apartment eines dämmerigen Hinterhauses im kriminellen Rio. Übernächtigt, ohne Handy, ohne Bargeld, barfuß.
 


2.
Kapitel
 
 
»Alles okay, mein Bester! Das Gewitter verzieht sich. In drei Minuten und siebenundzwanzig Sekunden heben wir ab.« Dem Briten Funky Ed Parker war es in Lateinamerika mit Ende dreißig gelungen, in den Besitz eines größeren Kapitals zu gelangen. Er hatte, ohne zu zögern, ein Flugzeug gekauft: eine Piper Cheyenne IIIA. Es war eine zweimotorige Turboprop; diese verfügte über ein Zwei-Mann-Cockpit und eine Kabine für bis zu neun Passagiere. Der gutaussehende braungebrannte Pilot mit den blonden Haaren liebte sein schnelles Maschinchen. Er startete und landete mit ihr auf kurzen Pisten. Die Anzahlung und der Kredit hatten ein enormes Loch in sein Budget gerissen. Er war gezwungen, den Monatswechsel durch regelmäßige Routen zu finanzieren.
Als der Drogenmagnat Luiz Carlos da Mendez ihn am Rande eines der Schwimmbecken des Azul-Hotels gefragt hatte, ob er wüsste, wie man nach Mato Grosso käme, hatte Funky schallend gelacht. Er und sein Flugzeug stünden ihm zur Verfügung. Bedingung sei, dass Mendez die Hälfte des Monatswechsels übernähme. Seitdem flog er den ‚Chefe‘ ständig zu irgendwelchen Terminen. Carlos hatte sich an ihn gewöhnt. Parker kutschierte ihn in unterschiedlichen Flugzeugen rund um den Globus. Auf Langstrecken flog er eine zweistrahlige Global 6000, die fast dreißig Meter lang, knapp tausend Kilometer pro Stunde schnell war und über eine Reichweite von 11.000 Kilometern verfügte. Überquerte er den Atlantik, begleitete ihn eine Crew mit einem Copiloten und ein oder zwei Stewardessen. Die Mannschaft wurde von Mendez höchstpersönlich ausgesucht. Funky flog überwiegend ohne Begleitung. Er bediente vor allem die Strecke Kolumbien – Mato Grosso.
Er war froh, zur Abwechslung kein ‚Zeug’, sondern menschliche Fracht zu transportieren. Er hatte einen Österreicher im Gepäck. Funky war argwöhnisch, wenn ein Fremder ihn bat, mitfliegen zu dürfen. Er fürchtete eine Falle von Messer-Carlos, der alles und jeden kontrollierte. Dieser Fall lag anders. Parker hatte Marco Baumgartner abends an der Bar getroffen. Beim zweiten Bier gestand der Wiener ihm, dass er auf der Suche nach einem lukrativen Job sei. Der Security-Job im Sambodrómo, mit dem er sich während der nächsten Zeit über Wasser halten wollte, würde schnell erledigt sein. Funky hatte genickt. Eventuell konnte der Europäer seinem Boss als Kurier dienlich sein. Carlos suchte laufend Verbindungen nach Europa. Wer ein Stück vom großen Kuchen abhaben wollte, musste auf der Hut sein. Schnell hatte Funky gemerkt, dass der Wiener unbeleckt war, was die Drogengeschäfte von Carlos betraf. Funky hatte vom großen Deal gefaselt. Viel Geld für leichte Arbeit. Um welches Geschäft es sich exakt handelte, hatte er Baumgartner verschwiegen. Er würde es früh genug erfahren.
»Wie lange werden wir unterwegs sein?« Marco blickte Funky von der Seite an. Beide Männer trugen Pilotenbrillen. Im Cockpit war es heiß. Der Regen hatte nachgelassen. Die Morgensonne brannte sich durch die dunklen Brillengläser in die Gesichter. Noch stand der Flieger auf einer Startbahn von Rio de Janeiros Stadtflughafen Santos Dumont. Endlich rollte die Propellermaschine los. Sie schwankte leicht. Die Motoren waren laut. Als die Maschine abhob, bekamen die beiden Männer im Cockpit freie Sicht auf die Stadt.
»Die Flugentfernung von Rio bis Cuiabá in Mato Grosso beträgt 1.578 km. Schätzungsweise gut drei Stunden.« Funky schwenkte ein nach links. Der kilometerlange Strand von Barra da Tijuca verschwand. Der Urwald dahinter war von intensivem Grün. Unter ihnen flirrte jetzt das unendliche Häusermeer der Millionenstadt. In die nördliche Zone verirrte sich kaum ein Fremder. Hinten tauchte der dreißig Meter hohe Cristo auf dem Corcovador-Berg auf. Die Statue breitete die Arme aus über der verschwenderischen Schönheit des Meeres, der Felsen und der weißen Strände der Guanarabucht.
An den Höhen der Hänge erblickten sie die Favelas und das Fußballstadion. Vor ihnen lag der Zuckerhut. Die perfekte weiche Form des Felsens über der blauen Bucht konnte nur eine Glanzleistung Gottes beim Erschaffen der Erde gewesen sein. Marco entdeckte Rios moderne Kathedrale. Einen Augenblick später schwebte die Maschine über dem Ausgehviertel Lapa mit seinen berühmten weißen Bögen. Auf dem ehemaligen Äquadukt sah man die gelbe Straßenbahn hinauf nach Santa Teresa fahren. In der Bucht kreuzten unzählige Tanker.
 
*
 
Der Flug zog sich hin. Die beiden Männer schwiegen. Ab und zu nahmen sie einen Schluck aus der Getränkedose. Mittlerweile waren sie gut zwei Stunden unterwegs. Funky setzte zu einer Linksschleife an und deutete mit dem Kopf nach unten. Aus der Luft war die massive Zerstörung des Regenwaldes sichtbar.
»Soja-Anbau. Sie roden die Wälder illegal durch Brand und lassen ihr Vieh darauf weiden«, erklärte er. »Die Region ist dünn besiedelt, drei Einwohner auf den Quadratkilometer.«
Die Sonne spiegelte sich im Rio Paraguay, der sich durch die Tiefebene schlängelte. Jetzt, zur Regenzeit, waren weite Teile des Gebietes überschwemmt. Sie flogen über ein Mosaik aus riesigen Wasserflächen, regenwaldartigen Flussgaleriewäldern, Seen und seichten Lagunen.
»Du bist blitzg’scheit, woaßt des? Clever!«, lobte Marco den Piloten. Ihm mangelte es nicht an Selbstbewusstsein. Er gestand sich aber ein, dass es Kerle gab, von denen er lernen konnte. Diese Einsicht war für einen selbstverliebten Mann wie Baumgartner enorm.
»Oh man, it’s okay.« Parker lachte ihn gutmütig an. Marco betrachtete die starken, sonnengebräunten Hände des Piloten. Danach zog er sein Handy aus der Brusttasche. Keine Nachricht. Er überlegte, ob er eine ‚Wie-geht’s-ich bin-in-Rio-SMS‘ an Rebecca schicken sollte. Sie musste inzwischen in Rio angekommen sein. Er hatte sie in Facebook gescreent. Sein Daumen näherte sich dem ‚Senden‘-Button, als Funky ihn unterbrach.
»Your girl friend?« Der Pilot blickte ihn von der Seite an. Er bemerkte die Verwirrtheit von Marco. Er ahnte, dass es nur die Mitteilung an eine Frau sein konnte, die seinen Nebenmann über den unendlichen Sumpfgebieten Brasiliens durcheinanderbrachte. Der Österreicher war von Bedeutung für ihn. Liebesgeschichten verursachten Störungen.
»Hey, da unten ist es ungemütlich. Wenn wir nicht runterfallen wollen, stell das elektronische Ding besser offline!«, verlangte Funky ungerührt.
»Alright Captain!«  Marco programmierte sein Handy auf Flugmodus. Der SMS-Entwurf wurde gelöscht. 
 
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